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Maurus Reinkowski: „Geschichte der Türkei“

Zwischen Zuversicht und Zorn

Von Ingo Arend

    
Das Cover des Buches von Maurus Reinkowski, "Geschichte der Türkei", auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / C.H, Beck)
Verständlich geschrieben und inhaltlich stark: Maurus Reinkowskis Buch über die Türkei. (Deutschlandradio / C.H, Beck)

Ist die Türkei unter Erdoğan noch eine Demokratie – oder schon eine Diktatur? Der stetige Wechsel zwischen beiden Polen charakterisiere das Land bereits seit seiner Gründung, schreibt der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski.

„Ne mutlu Türküm diyene – Wie glücklich ist, wer sagen kann, ich bin ein Türke.“ Ob das den Türk:innen noch so leicht über die Lippen kommt wie einst den Schüler:innen, die jeden Morgen diesen Leitsatz des Staatsgründers Mustafa Kemal skandieren mussten?

Die Türkei ist jedenfalls politisch und wirtschaftlich derzeit in keiner guten Verfassung. Maurus Reinkowskis Werk über die Geschichte der Türkei rückt das Land nun in eine historische Perspektive. Für den Basler Islamwissenschaftler markiert die derzeit heikle Lage am Bosporus nur eine weitere Phase der charakteristischen „Wellenbewegung zwischen Autoritarismus und Liberalismus“.

Autoritär nicht erst seit Erdoğan

Ersterer ist für den Wissenschaftler keine Erfindung von Recep Tayyip Erdoğan. Kemalisten werden es nicht gerne hören, aber spätestens seit 1925, dem Jahr, als Atatürk mit den aufständischen Kurden auch gleich die innerparteiliche Opposition kaltstellte, „kann man die Regierung in der Türkei als ein autoritäres Regime, ja sogar als eine Diktatur bezeichnen“.

Den Grund für das labile System und das Schwanken zwischen den politischen Extremen sieht Reinkowski in dem, was er den „osmanisch-türkischen Kataklysmus der Jahre 1912-1922“ nennt.

Der Wechsel von einem multiethnischen Weltreich zu einem modernen Nationalstaat sei die Folge eines erfolgreichen Unabhängigkeitskriegs gegen die europäischen Kolonialmächte gewesen. Doch dieser ging auch mit unvorstellbarer Gewalt, Flucht, Vertreibung und dem Gefühl einher, einer Welt von Feinden gegenüberzustehen. Das erkläre, warum die Pole „Zuversicht und Zorn“ eine Art DNA des Landes ausmachten.

Grundlegender Konstruktionsfehler

Reinkowskis Periodisierung orientiert sich an den bekannten Daten: von der Republikgründung 1923 über die diversen Militärdiktaturen bis zur Gegenwart. Eine wichtige Referenz ist für ihn aber auch das Jahr 1789. Schon damals suchte das Osmanische Reich mit seiner Reformpolitik den Anschluss an Europa und die Aufklärung.

Der Islamwissenschaftler arbeitet noch einmal den grundlegenden „Konstruktionsfehler“ der Türkei heraus: Atatürk wollte eine säkulare Republik, baute sie aber auf einem sunnitisch-nationalistischen Selbstverständnis auf. Damit legte er selbst den Grundstein für den „Weg in eine andere Republik“, der seinen Höhepunkt in Erdoğans überragendem Wahlsieg 2002 fand.

In dem erbitterten Streit darum, ob die Türkei heute noch eine Demokratie oder schon eine Diktatur ist, zieht sich Reinkowski mit der Formel von der „elektoralen Autokratie“ aus der Affäre. Wahlen, so seine Definition, hätten dort nur noch eine symbolische, keine machteinhegende Funktion.

Die Kulturgeschichte kommt zu kurz

Leider fehlt in Reinkowskis Buch ein Kapitel zur Kulturgeschichte. Dabei attestiert er dem Land, es müsse eine „neue politische Kultur“ finden, „in der die Ausschläge zwischen den Selbstbildern als Opfer und Held und zwischen den Gefühlszuständen von Zuversicht und Zorn weniger stark“ sind. Die Zukunft der Türkei wäre mithin auch eine Kulturaufgabe.

Dennoch bietet sein Band den derzeit besten, verständlich geschriebenen Überblick über ein kompliziertes Land, von dem hierzulande immer noch zu viele zu wenig wissen. Bis alle Türk:innen es wieder so „großartig“ finden wie Reinkowski gleich zu Beginn, dürfte es aber wohl noch etwas dauern.

Maurus Reinkowski: „Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart“
C.H.Beck, München 2021
496 Seiten, 32 Euro

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