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Frédéric Beigbeder: „Der Mann, der vor Lachen weinte“

Ein Salonkommunist dreht durch

Von Dirk Fuhrig

    
Das Buchcover "Der Mann, der vor Lachen weinte" von Frédéric Beigbeder ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Deutschlandradio / Piper Verlag)
Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder bespiegelt sich in „Der Mann, der vor Lachen weinte“ mal wieder selbst. (Deutschlandradio / Piper Verlag)

Frédéric Beigbeder zeigt sich als boshafter Kritiker des eigenen Milieus: Während Gelbwesten durch Paris ziehen, denkt sein Romanheld über scheinheilige Weltverbesserer, soziale Ungerechtigkeit, das eigene Sexleben und den nächsten Drogenrausch nach.

Intellektueller Amoklauf auf den Champs-Élysées: Octave Pagano, einst Renegat der Werbebranche (in Frédéric Beigbeders Roman „Neununddreißigneunzig"), ist mittlerweile Hörfunkmoderator, der die aufgesetzte Fröhlichkeit der Morgensendungen nicht mehr erträgt.

Statt seine wöchentliche Kolumne vorzubereiten, zieht er durch das 8. Arrondissement von Paris, in dem die politische Macht in Form des Präsidentenpalasts, der Luxus und das gehobene Nachtleben à la „Crazy Horse“ traditionell kumulieren.

Es ist einer der Abende im März 2019, in denen die „Gilets jaunes“ das exklusive Restaurant „Fouquet's“ in der Nähe des Arc de Triomphe in Brand setzen. Octave wankt wie ein Getriebener durch die Nacht – sein Parcours wird auf einer Pariskarte wie der eines Attentäters nachgezeichnet.

Gelbwesten und scheinheilige Journalisten

Der Mittfünfziger ist auf der Suche nach Sex, den er nicht mehr so leicht bekommt wie früher als attraktiver Partylöwe.

Vollgepumpt mit Drogen, fabuliert er über die Motive der Gelbwesten und die Verlogenheit von Intellektuellen und Journalisten, die in ihren Beiträgen die globale Ungerechtigkeit beklagen, links wählen – aber erschrecken, sobald „das Volk“ sich daranmacht, ihre bevorzugten Lokalitäten zu beschädigen: „Seit fünfzehn Jahren rufen die Protestler am Studiomikrofon zur antikapitalistischen Revolution auf, und jetzt, da sie stattfindet, da ganz Frankreich auf die Straßen geht, haben sie eine Heidenangst, wie Töchter aus gutem Hause.“

Als „Salonkommunist“ bezeichnet sich Octave selbst: beste Herkunft, elitäre Bildung, reich, begehrt, berühmt – und dabei stets weltverbesserische Ideale auf den Lippen. Mitunter meint man, in ihm einen – wenn auch ziemlich abgehalfterten – Bruder im Geiste von Sahra Wagenknecht vor sich zu haben, die in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ ja genau diese Scheinheiligkeit mancher Linken anprangert. Der Sound ist durchaus ähnlich.

Persönlicher Rachefeldzug?

Beigbeder geht es auch um die Diktatur der Gutgelauntheit in den Medien. Der Sender, für den Octave Pagano arbeitet, heißt „France Publique“ – hinter diesem Namen ist unschwer „France Inter“ zu erkennen, das meistgehörte öffentlich-rechtliche Radioprogramm, in dessen Morgensendung Frédéric Beigbeder selbst eine Kolumne hatte, bevor er sich 2018 mit der Direktion überwarf.

Sicherlich auch, um dem Sender eins auszuwischen, ist die Idee entstanden, diesen Roman über Infotainment und die zwanghafte Humorisierung der sozialen Medien zu schreiben. Mit wiederholten Ausflügen in die Literaturgeschichte, was der Zeitgeist-Satire einen leicht bildungshuberischen Anstrich verleiht.

Selbstentblößung als Masche

Beigbeders eitle Selbstbespiegelung und -entblößung ist eine Masche, lange erprobt in früheren seiner Veröffentlichungen und in Frankreich mittlerweile schon fast eine Art literarisches Genre. Die zahllosen Personen und Institutionen aus der Luxus-, Politik- und Medienelite, die er nachlässig in seine Suada eintropfen lässt, sind kaum verschlüsselt und – jedenfalls für französische Leser – leicht zu erkennen.

Diese Offenheit kann sich nur jemand leisten, der, wie Beigbeder, zum innersten Zirkel dazugehört und der seine Prominenz daraus bezieht, scheinbar keine Tabus zu kennen. Die Kritik am Lachen und das wilde Räsonieren über soziale Missstände, die Spaltung der französischen Gesellschaft, die Abgehobenheit der Pariser Politik, Kultur und Presse – das wirkt ziemlich zusammengerührt.

Dennoch ist das Buch unglaublich witzig geschrieben: ein Feuerwerk pointierter Formulierungen, punktgenau gezeichnete Szenen. Eine herrlich gegenwärtige Gesellschaftssatire, außerordentlich lustig – womit sich die vorgebliche These des Romans, dass das omnipräsente Gelächter in den Medien die Menschheit zum Weinen bringt, selbst konterkariert.

Frédéric Beigbeder: „Der Mann, der vor Lachen weinte“
Piper Verlag, München 2021
320 Seiten, 22 Euro

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