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Während Gustave Flauberts „Madame Bovary“ rasch zu einem Klassiker wurde, tat sich sein Roman „L’Education sentimentale“ schwer damit, diesen Status zu erlangen. Die Flaubert-Spezialistin Elisabeth Edl versucht das mit ihrer Neuübersetzung zu ändern. Es beginnt mit dem Titel: „Lehrjahre der Männlichkeit“.

Von Rainer Moritz

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Portrait des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert (1821-1880) (imago stock&people)
Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert lebte 1821 bis 1880 (imago stock&people)
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Wieder einmal hatte Gustave Flaubert mit einem Stoff und dessen literarischer Umsetzung schwer zu kämpfen. Zu ambitioniert erschien die Aufgabe, die er sich vorgenommen hatte. Der aus dem Provinzstädtchen Nogent-sur-Seine stammende Frédéric Moreau, der junge Held seines Romanprojekts „L’Education sentimentale“, sollte kein idealer Repräsentant der florierenden Untergattung „Erziehungs- bzw. Bildungsroman“ sein und keinen Reifeprozess durchlaufen, der ihn nach Irrungen und Wirrungen zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft werden lässt.

Nein, Flaubert hatte sich vorgenommen, das private Schicksal Moreaus mit all seinen (Liebes-)Verstrickungen untrennbar mit den politischen Ereignissen im Frankreich der 1840er- und 1850er-Jahre zu verknüpfen. Das Persönliche und das Zeithistorische galt es auf eine Weise miteinander zu verschmelzen, die das Eine zum Spiegelbilde des Anderen macht und gleichzeitig auf eindeutige Wertungen verzichtet.

Jenen Frédéric Moreau, wie sein Verfasser im Herbst 1821 geboren, lernen wir zu Beginn als einen – zumindest in den Augen seiner Mutter – vielversprechenden Mann kennen, der nach einem Paris-Aufenthalt zur Erholung in seine Heimatgemeinde reist. Alles irdische Glück scheint ausgebreitet vor ihm zu liegen:

„Am 15. September 1840, gegen sechs Uhr früh, kurz vorm Ablegen, paffte die Ville-de-Montereau dicke Wolken am Quai Saint-Bernard.
Leute kamen gerannt, außer Atem; Fässer, Taue, Wäschekörbe hinderten den Verkehr; die Matrosen gaben keine Antwort; man rempelte einander; die Frachtstücke wanderten zwischen die beiden Radkästen, und der Tumult erstarb im Zischeln des Dampfes, der aus Eisenblechen quoll, alles einhüllte in weißliches  Gewölk, während die Glocke, vorn am Bug, unausgesetzt bimmelte.

Endlich hatte das Schiff abgelegt; und die beiden Ufer, bestückt mit Lagerhäusern, Werften und Fabriken, zogen dahin wie zwei breite Bänder, die man entrollt. Ein junger Mann von achtzehn Jahren, mit langem Haar und einem Skizzenbuch unterm Arm, stand neben dem Steuerruder, regungslos. Durch den Nebel betrachtete er Kirchtürme, Bauwerke, deren Namen er nicht kannte; dann umfing er mit einem letzten Blick die Île Saint-Louis, die Cité, Notre-Dame; und gleich darauf, als Paris entschwand, tat er einen tiefen Seufzer.

Monsieur Frédéric Moreau, seit kurzem Baccalaureus, kehrte heim nach Nogent-sur-Seine, wo er zwei Monate ausharren musste, danach würde er Jura studieren. Seine Mutter hatte ihn, mitsamt der nötigen Summe, nach Le Havre geschickt, zu einem Onkel, auf dessen Erbschaft sie für ihn spekulierte; erst am Vortag war er von dort zurückgekehrt; und da er nicht in der Hauptstadt verweilen konnte, hielt er sich schadlos, indem er auf dem langsamsten Weg heimfuhr in seine Provinz.“

Lehrjahre des Gefühls oder der Männlichkeit?

Moreau gibt, so scheint es, zu Hoffnungen Anlass, und vor allem ist er selbst davon überzeugt, seine beschränkte Herkunft bald hinter sich zu lassen und im großen Paris auf allen Terrains zu reüssieren. Eine „Education“, eine Erziehung schickt er sich an zu durchlaufen, doch was und zu welchem Ende in diesem Roman „erzogen“ wird, bleibt fraglich – und stellte von Anfang an die Übersetzerinnen und Übersetzer vor heikle Probleme. Diese freilich beginnen bereits im französischen Original. Flaubert selbst rang lange mit seinem Titel und holte Rat bei Freunden ein. Da er schon 1845 eine „L’Education sentimentale“ benannte Erzählung zu Papier brachte (die sich übrigens kaum als Vorfassung des Romans lesen lässt), zögerte er, diesen Titel erneut zu verwenden. In den Ohren seiner Zeitgenossen klang er, wie Rezensionen zeigen, zudem merkwürdig und uneindeutig.

Wer den Romantitel wiedergeben wollte, stand zudem vor der Hürde des Adjektivs „sentimental“. Dieses eröffnet im Deutschen ein ganz anderes Bedeutungsfeld, und Versuche mit Titeln wie „Empfindsame Erziehung“ oder „Sentimentale Lehrjahre“ kamen nicht in Betracht.

Zwischen 1904 und 2001 wurde Flauberts Buch zehnmal ins Deutsche übersetzt – mit sage und schreibe sieben unterschiedlichen Titelvarianten. Ohne dass sich ein kanonischer Titel herauskristallisiert hätte, erlangten „Lehrjahre des Gefühls“ und „Die Erziehung des Herzens“ am ehesten eine gewisse Popularität, wenngleich auch ihnen die dem Original innewohnende Ironie abging.

Elisabeth Edl, die in den letzten Jahren bereits „Madame Bovary“ und Flauberts „Trois contes“ übersetzt hat, will diesen Knoten durchschlagen und hat sich, wie sie in ihrem Nachwort zu begründen sucht, für einen Titel entschieden, der auf den ersten Blick – und seien wir offen: auch auf den zweiten – befremdlich wirkt. „Lehrjahre der Männlichkeit“ soll die „Education sentimentale“ nun heißen, wodurch zwar eine leise ironische Note ins Deutsche gebracht wird, doch sofort neue Fragezeichen aufploppen.

Gustave Flaubert: "L'Éducation Sentimentale" - links in einer historischen Auflage von 1870, rechts das aktuelle Buchcover in deutscher Übersetzung „Lehrjahre der Männlichkeit" (links: imago-images/Collection Grob Kharbine Tapabor, rechts: Carl Hanser Verlag)Gustave Flaubert: „L'Éducation Sentimentale“ – links in einer historischen Auflage von 1870, rechts das aktuelle Buchcover in deutscher Übersetzung „Lehrjahre der Männlichkeit“ (links: imago-images/Collection Grob Kharbine Tapabor, rechts: Carl Hanser Verlag)

Die französische Originalfassung, Ende 1869 erschienen, trägt den Untertitel „Histoire d’un jeune homme“, was Elisabeth Edl dazu verleitet, Flauberts Differenzierung zwischen Haupt- und Untertitel zu ignorieren und beide kurzerhand miteinander zu vermischen. Das ist ein unlauteres Verfahren, da Edl so eine klare Setzung des Autors zur vernachlässigbaren Größe macht und ihre Interpretation über Flaubert stellt. Es ist den letzten Jahren zu einer eigentümlichen Mode geworden, dass renommierte Übersetzer dazu neigen, ihre eigene Klugheit überzubewerten. Dazu zählt Elisabeth Edl, ungeachtet aller Qualitäten, die ihre Arbeiten besitzen. So betont sie, ohne mit der Wimper zu zucken, im Nachwort, dass es darum gehe, für die deutsche Ausgabe einen „richtigen Titel“ zu finden. Edls Selbstlob lässt keinen Zweifel zu: „Adäquat“ und „umso schöner“ sei die „Lösung“, die sie gefunden habe.

„Lehrjahre der Männlichkeit“ habe künftig als „verbindlicher“ Titel zu gelten. Ein frommer Wunsch, denn Edls Vorschlag übergeht geflissentlich, dass das Substantiv „Männlichkeit“ im heutigen Deutsch Bedeutungen hat, die wenig Eignung für eine derartige Übertragung besitzen. Denn „Männlichkeit“ ist im Deutschen keineswegs auf das „Erwachsenwerden eines Mannes“ beschränkt; es bezeichnet, wie jedes Wörterbuch lehrt, ebenso die Potenz und Zeugungsfähigkeit eines Mannes oder gar die männlichen Geschlechtsteile selbst. Dergleichen hatten weder Flaubert noch seine Übersetzerin im Sinn, doch wer zu einem Titel wie „Lehrjahre der Männlichkeit“ greift, muss damit leben, dass diese ungewollten Bedeutungen von „Männlichkeit“ mitschwingen und somit der Edl’schen Lösung eine unfreiwillig komische Note geben. 

Dessen ungeachtet geht es Flauberts Protagonisten darum, in Paris ein aufregendes Liebes- und Sexualleben zu praktizieren. In einem ständigen Hin und Her sucht er die Nähe von gleich vier Frauen, ohne dass er dabei auf geradem Weg zum Ziel käme. Zur zentralen Sehnsuchtsfigur wird Marie Arnoux, die Frau eines dubiosen, wirtschaftlich glücklos agierenden Kunsthändlers. Was immer man Moreau an Steinen in den Weg legt und was immer er durch seine Entscheidungsschwäche zerstört, ändert nichts an seiner Absicht, Marie zu glorifizieren und sich eine selige Zukunft mit ihr auszumalen:

„Obwohl er Madame Arnoux besser kannte (vielleicht auch gerade deshalb), war er feiger als zuvor. Jeden Morgen schwor er sich, kühn zu sein. Unbezwingbare Scham hielt ihn zurück; und er konnte sich nach keinem Vorbild richten, denn diese hier war so ganz anders als alle übrigen. Durch die Kraft seiner Träume hatte er sie emporgehoben über alle menschlichen Schicksale. Er fühlte sich neben ihr unbedeutender auf Erden als die Seidenschnipsel, die herabfielen von ihrer Schere.
Dann wieder dachte er an ungeheuerliche, aberwitzige Dinge wie nächtliche Überfälle mit Betäubungsmitteln und Nachschlüsseln – alles erschien ihm leichter, als sich ihrer Verachtung zu stellen.

Außerdem bildeten die Kinder, die zwei Dienstmädchen, die Anordnung der Räume unüberwindliche Hindernisse. Also beschloss er, sie ganz für sich allein zu besitzen und mit ihr irgendwo weit weg zu leben, in tiefer Einsamkeit; er grübelte sogar, welcher See blau genug sei, welcher Strand lieblich genug, ob Spanien, die Schweiz oder der Orient; und mit Absicht die Tage wählend, an denen sie gereizter wirkte, sagte er, sie müsse aus alledem heraus, nach einem Weg suchen, und er sehe keinen andern als die Trennung. Doch aus Liebe zu ihren Kindern wollte sie niemals zu diesem äußersten Mittel greifen. So viel Tugend steigerte seine Hochachtung.

Seine Nachmittage verbrachte er damit, sich den Besuch vom Vortag in Erinnerung zu rufen und den vom Abend herbeizusehnen. Wenn er nicht gegen neun bei ihnen aß, bezog er Posten an der Straßenecke; und kaum hatte Arnoux die große Tür hinter sich geschlossen, lief Frédéric die beiden Stockwerke flink hinauf.“

Der Held und die Politik

Frédéric Moreaus Geschichte ist eine des permanenten Scheiterns. Seine amourösen Abenteuer führen selten oder auf eine nicht gewünschte Weise zum Ziel. Er taugt weder zum erfolgreichen Anwalt noch zum Künstler; die kurzfristige Überlegung, in die Politik zu gehen, wird umgehend verworfen, und nachdem ihn eine Erbschaft finanziell unabhängig macht, fühlt er sich keiner gesellschaftlichen Gruppe zugehörig. Den revolutionären Eifer seiner Jugendfreunde teilt er nur halbherzig, und auch den Klassen der Reaktionäre, Arbeiter und Kapitalisten steht er eher als Beobachter gegenüber – was ihn nicht daran hindert, Madame Dambreuse, der Gattin eines Finanzmoguls, nicht nur platonisch den Hof zu machen.

Seine Blockaden und das unschlüssige Lavieren zwischen den Positionen machen Moreau zu einem trübsinnigen Romanhelden. Dass dessen „Lehrjahre“ zu keinem erfreulichen Ergebnis führen würden, ist jeder Leserin, jedem Leser nach wenigen Seiten klar. Dieses Unentschiedene in Moreaus Haltungen und Handlungen wurde vom zeitgenössischen französischen Publikum kaum verstanden und fand auch in der Kritik keinen Anklang. Die „Education sentimentale“ war auf allen Ebenen ein Misserfolg, und Flaubert kam nicht umhin, darauf zu vertrauen, dass erst nachfolgende Generationen verstehen würden, was es mit seinem Roman auf sich habe.

Flaubert zelebriert einen Nihilismus, den er lediglich in seinem unvollendeten Spätwerk „Bouvard und Pécuchet“ noch zu übertrumpfen gedachte. Die „Education sentimentale“ ist so, wie der Romanist Erich Köhler schrieb, eines der „deprimierendsten Bücher der Weltliteratur“, und was Flaubert darin seziert, ist keineswegs nur der unersprießliche Lebensweg Frédéric Moreaus. Sein Blick gilt gleichzeitig – und das macht seinen Roman so einzigartig und für die Genese der literarischen Moderne unverzichtbar – dem in Flauberts Augen erbärmlichen Gang der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Was die beiden Revolutionen der Jahre 1830 und 1848 anrichteten und was Louis Napoléons Machtübernahme 1851 mit dem sich anschließenden Second Empire für die Gesellschaft bedeutete, führt Flaubert gnadenlos aus und vor, ohne das Treiben der Akteure zu bewerten. Das chaotische Nebeneinander der Meinungen breitet er voller Genuss aus – in Szenen, die überdies seinen boshaften Witz aufs Schönste zeigen:

„Der Augenblick sei gekommen, das Reich Gottes einzuleiten! Das Evangelium führe geradewegs zu 89! Nach der Abschaffung der Sklaverei die Abschaffung des Proletariats. Einst gab es das Zeitalter des Hasses, nun beginne das Zeitalter der Liebe.
‚Das Christentum ist Schlussstein und Fundament des neuen Gebäudes …‘
‚Halten Sie uns zum Narren?‘ rief der Weinvertreter. ‚Wer hat mir einen solchen Pfaffenknecht beschert!‘

Diese Unterbrechung erregte großes Ärgernis. Fast alle kletterten auf die Bänke und brüllten mit gereckter Faust ‚Atheist! Aristokrat! Schurke!‘, während die Glocke des Vorsitzenden in einem fort bimmelte und die Schreie ‚Ruhe! Ruhe!‘ lauter wurden. Doch unverzagt und außerdem gestärkt durch ‚drei Kaffees‘, die er vor seinem Kommen getrunken hatte, schlug er sich inmitten der anderen.
‚Was, ich! ein Aristokrat? na sowas!‘
Als er sich endlich rechtfertigen durfte, erklärte er, mit den Priestern werde man niemals in Frieden auskommen, und da vorhin die Rede gewesen sei von Einsparungen, so wär’s doch eine gewaltige, wenn man die Kirchen abschaffe, die heiligen Ziborien und zuletzt alle Konfessionen.

Jemand erhob den Einwand, er gehe ein bisschen weit.
‚Ja! ich gehe weit! Aber wenn ein Schiff in den Sturm gerät …‘
Ohne das Ende des Vergleichs abzuwarten, erwiderte ihm ein andrer:
‚Gut! aber das heißt, mit einem Schlag niederreißen, wie ein Maurer ohne Verstand …‘
‚Sie verhöhnen die Maurer!‘ kreischte ein gipsbestäubter Citoyen; und  starrköpfig  festhaltend an dem Glauben, man habe ihn beleidigt, spie er Flüche, wollte sich prügeln, verkrallte sich in seine Bank. Es brauchte drei Männer, um ihn hinauszuwerfen.

Der Arbeiter jedoch stand immer noch auf der Tribüne. Die beiden Protokollführer ermahnten ihn, herunterzukommen. Er protestierte gegen die Zurückstellung, die er erleide.
‚Ihr könnt mich nicht hindern zu rufen: Ewige Liebe unserm teuren Frankreich! ewige Liebe auch der Republik!‘
‚Citoyens!‘ sagte nun Compain, ‚Citoyens!‘
Und nachdem er oft genug ‚Citoyens‘ gesagt und ein wenig Ruhe erwirkt hatte, stützte er seine zwei roten Hände, gleich Armstümpfen, auf die Tribüne, beugte sich weit vor, kniff die Augen zusammen:
‚Ich glaube, es braucht eine größere Verbreitung des Kalbskopfes.‘
Alles schwieg, offenbar hatte man sich verhört.
‚Jawohl! des Kalbskopfes!‘“

Flaubert übersetzen – ein Kraftakt

Die unauflösbare Überlappung dessen, was Frédéric Moreau erlebt und was in der französischen Gesellschaft an Hehrem zerstört wird, macht eine der erzählerischen Revolutionen des Romans aus. Weitgehend verzichtet Flaubert darauf, mit detaillierten psychologischen Betrachtungen die Handlungselemente zu erklären. Absatz folgt auf Absatz, und oftmals fehlen erläuternde Übergänge, die – wie im Roman des 19. Jahrhunderts üblich – eine Kausalität zwischen den Ereignissen herstellen. Kaum etwas davon bei Flaubert, der zudem, wie Marcel Proust früh in einem Essay erkannte, mit Grundprinzipien der französischen Grammatik brach.

Das alles verstörte nicht nur seine Zeitgenossen, und das alles macht es zu einer gewaltigen Aufgabe, Flauberts Stileigenheiten angemessen ins Deutsche zu bringen. Der Hanser Verlag hat keine Mühen gescheut, seine Neuedition fein auszustatten. Die prächtige Leinenausgabe mit zwei Lesebändchen lässt der Übersetzerin und Herausgeberin Elisabeth Edl allen Raum für ein kluges, die Entstehungsgeschichte erläuterndes Nachwort und einen Anmerkungsapparat, der vorzüglich die entlegensten historischen Details darstellt. Flaubert hat jahrelang recherchiert, um seinen Roman in den historischen Schilderungen unangreifbar zu machen und ihm zusätzlich dokumentarischen Wert zu geben. Elisabeth Edl hat ihm erfolgreich nachgeeifert.

Nichtsdestominder muss sich eine Neuübersetzung gegenüber ihren Vorgängerinnen behaupten. Dazu zählen beispielsweise die in diversen Taschenbuchausgaben verbreiteten Übersetzungen, die Paul Wiegler 1951, Cornelia Hasting 2000 und Maria Dessauer 2001 vorlegten. Zieht man diese zum Vergleich heran und wirft noch einen prüfenden Blick auf die erste deutsche Übersetzung, die Alfred Gold und Alphonse Neumann 1904 im Verlag Bruno Cassirer veröffentlichten, so sieht man die Vorzüge und die Fragwürdigkeiten der Edl’schen Arbeit sofort.

Elisabeth Edl ist vor allem akribisch genau, wenn es darum geht, Wohnungseinrichtungen, Kutschenmodelle oder Abendgarderoben exakt zu benennen. Hier leistet sie Vorzügliches und ist den alten Übersetzungen überlegen. Dieses Verlangen nach Genauigkeit führt indes – kein Einzelfall bei Edl – dazu, dass ein belehrender Übereifer durchschlägt, der zu fragwürdigen Lösungen führt. So wird, wie es sich gehört, in Flauberts Salons gehörig Champagner getrunken. In einer Anmerkung weist Edl darauf hin, dass man zu Flauberts Zeiten „vin de Champagne“ gesagt und „Champagner“ als „unfeine Ausdrucksweise“ gegolten habe. Das mag so sein, doch ist noch lange kein Grund dafür, in einer neuen deutschen Übersetzung statt Champagner nun allenthalben „Champagnerwein“ auszuschenken – eine schlichtweg irrige Fügung, denn Champagnerwein ist kein Champagner.

Als Elisabeth Edl 2012 ihre „Madame Bovary“-Übersetzung vorlegte, ließ sie sich zu einer fatalen Herabsetzung der vorangegangenen Übertragungen hinreißen, die samt und sonders die „spezifische Qualität“ des Originals verfehlt hätten. Die in Rouen lehrende Literaturwissenschaftlerin Alexandra Richter hat das 2018 in einem Aufsatz zurechtgerückt und Edls (Selbst-)Einschätzung als „anmaßend“ gerügt. Ja, Edl habe, so Richter, zwar einen philologischen korrekten Text geliefert, der jedoch häufig „überdeterminiert“ sei und dem es „an Stil mangele“.

Manches davon ließe sich auch über die Übersetzung der „Education sentimentale“ sagen. Zwar gelingt es Edl, Stilmerkmale des Romans ins Deutsche zu retten und mit vielen Kommata Flauberts Neigung gerecht zu werden, Adjektive nachzustellen und geballt mit Partizipialwendungen zu arbeiten, wo im Deutschen eher ein vollständiger Nebensatz steht. Doch man darf bezweifeln, ob es zum Beispiel gerechtfertigt ist, aus einem „Les ouvrières, presque toutes, ...“, das Wiegler und Dessauer schlicht mit „Fast alle Arbeiterinnen ...“ übertragen, auf Gedeih und Verderb ein „Die Arbeiterinnen, fast alle, ...“ zu machen.

Überhaupt zeigen Stichproben, dass Elisabeth Edl an merkwürdigen Stellen ins Schlingern gerät und die Register vermischt. Wo im Original ein schlichtes „semblait“ steht, macht sie daraus ohne Not ein „dünkte“. Wo von der „ébouriffure de sa perruque“ die Rede ist und Wiegler und Dessauer mit „zerzauster“ bzw. „struppiger Perücke“ übersetzen, fällt Edl ins Umgangssprachliche und schreibt „Gestruwwel ihrer Perücke“. Wo ein „moyen honnête de déguerpir“ genannt wird, entscheidet sich Edl schmerzhafterweise für einen „passablen Weg (...) zum Verduften“, während sich ihre Vorgänger zu Recht mit einem „davonmachen“, „verschwinden“ oder „aus dem Staub machen“ begnügen. Und so ließe sich fortfahren: Warum darf die „maquillage“ keine „Schminke“ mehr sein und muss zur „Maquillage“ werden? Warum werden die „émanations intellectuelles“ zu „geistigen Fluida“? Und was ritt Edl, das Adjektiv „baff“ zu verwenden, wenn bei Flaubert eine Figur „saisi par l’étonnement que l’on éprouve“ ist?

Nicht abzustreiten ist trotzdem, dass Elisabeth Edl sich bewundernswert mit Flauberts vielleicht bestem Roman auseinandergesetzt und eine Übersetzung vorgelegt hat, zu der man – trotz des in die Irre führenden Titels – getrost greifen kann. Wer freilich Maria Dessauers Übersetzung zu Hause im Bücherschrank hat, braucht diese nicht zu entsorgen.

Egal, welchem deutschen Text man folgt: An den großartigen Schlusspointen der „Education sentimentale“ wird man hier wie dort Gefallen finden. Wie Flaubert zuvor auf das mitunter bewusst Unzusammenhängende seiner Sätze Wert legte, beschleunigt er das Geschehen mit einem Mal abrupt. Als – in einer Schlüsselszene – der zum Polizisten gewordene Sénécal Frédérics alten Freund, den Republikaner Dussardier tötet, ist der Tiefpunkt erreicht. Der dritte Teil des Romans wechselt folglich vom fünften zum sechsten Kapitel und überspringt dabei, wie Carlo Ginzburg schrieb, in der „vielleicht berühmtesten weißen Stelle der Literaturgeschichte“ viele Jahre.

„Er reiste.
Er durchlebte die Melancholie der Dampfschiffe, das fröstelnde Erwachen unterm Zelt, den Rausch vor Landschaften und Ruinen, die Bitternis zerrissener Sympathie.
Er kam zurück.
Er verkehrte in der vornehmen Welt, und er hatte noch die eine oder andere Liebe. Durch die stete Erinnerung an die erste schmeckten sie freilich alle schal; und zudem war die Leidenschaft des Begehrens, der eigentliche Kern des Empfindens dahin. Sein geistiger Ehrgeiz hatte auch nachgelassen. Jahre verstrichen; und er ertrug den Müßiggang seines Verstands und die Trägheit seines Herzens.

Gegen Ende März 1867, bei Einbruch der Nacht, er saß allein in seinem Arbeitskabinett, trat eine Frau herein.
‚Madame Arnoux!‘
‚Frédéric!‘
Und sie ergriff seine Hände, zog ihn sanft zum Fenster, und ihn betrachtend, sagte sie immer wieder:
‚Er ist es! Ja, er ist es!‘
Im Halbdunkel des Dämmers sah er nur ihre Augen unter dem schwarzen Spitzenschleier, der ihr Gesicht verbarg. Nachdem sie eine kleine Brieftasche aus granatrotem Samt auf den Kaminsims gelegt hatte, setzte sie sich. Alle beide verharrten, ohne ein Wort sagen zu können, lächelten nur.“

Natürlich führt Frédérics Wiedersehen mit der weißhaarig gewordenen Marie Arnoux zu keinem Happyend. Nichts wäre unpassender; die Zeit hat ihr grausames, nicht rückgängig zu machendes Werk verrichtet. Und die darauffolgenden Seiten zeigen ein letztes Mal, welches Meisterwerk die „Education sentimentale“ ist. Kein Wunder also, wenn in Woody Allens Film „Manhattan“ davon die Rede ist, dass dieser Roman das Leben lebenswert mache.

Gustave Flaubert: „Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend“
Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl
Carl Hanser Verlag, München. 800 Seiten, 42 Euro.

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