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Deutscher Buchpreis für Antje Rávik Strubel

Männlicher Machtmissbrauch

Antje Rávik Strubel im Gespräch mit Vladimir Balzer

    
Die Autorin Antje Rávik Strubel vor einer Treppe. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Geehrt für einen „aufwühlenden“ Roman: Antje Rávik Strubel. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Der Deutsche Buchpreis geht an Antje Rávik Strubel für „Blaue Frau“. Darin erzählt sie von einer Frau, die sexualisierte Gewalt erfahren hat. Die ganze Gesellschaft sei durchzogen von männlichen Machtstrukturen, sagt die Schriftstellerin.

Antje Rávik Strubel ist mit „Blaue Frau“ die diesjährige Gewinnerin des Deutschen Buchpreises. Die Auszeichnung wurde zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Römer verliehen.

Strubels Roman, im S. Fischer Verlag erschienen, schildert die Flucht einer jungen, tschechischen Frau vor ihren Erinnerungen an eine Vergewaltigung. Die Autorin behandle das Thema „mit existenzieller Wucht und poetischer Präzision“, urteilte die Jury: „Die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung weitet sich zu einer Reflexion über rivalisierende Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa und Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.“

Vergewaltigung durch einen Kulturpolitiker

Der Vergewaltiger in dem Roman ist ein westdeutscher Kulturpolitiker, der „kein Problem damit hat, was er tut“, wie Antje Rávik Strubel sagt. Und genau das sei ein Problem: „Was fehlt, ist eine Art von Selbstwahrnehmung und ein Nachdenken darüber, was man in bestimmten Machtpositionen tut und wie man sich da verhält.“

Strubel hofft, dass die jüngere Generation diese Machtstrukturen ändern kann: „Unter den Jüngeren gibt es ein größeres Verständnis dafür, dass das Zusammenleben vielleicht angenehmer sein könnte.“

Im Literaturbetrieb habe es in den 20 Jahren, die sie dabei sei, Verbesserungen gegeben, erzählt Strubel, aber es sei noch lange nicht alles gut: „Ich weiß von meiner Agentin, dass sie Manuskripte, wo ein männlicher Autorenname draufsteht, grundsätzlich für mehr Geld verkaufen kann, als wenn ein weiblicher Autorenname draufsteht.“

Auch das Gesetz ist männlich geprägt

Die ganze Gesellschaft sei von männlichen Machtstrukturen durchzogen, sagt Strubel. Das zeige sich auch an immer noch wirksamen patriachalischen Elementen. Jahrtausendelang seien Besitz und Eigentum immer nur in der männlichen Linie weitergegeben worden: „Frauen durften nichts besitzen, sie hatten kein Geld, sie dürften keinen Beruf ausüben.“ Diebstahl werde immer noch stärker bestraft als Körperverletzung oder sexualisierte Gewalt: „Da zeigt sich, dass bestimmte männliche Strukturen selbst in unserer Gesetzgebung noch existieren.“ 

Strubel hat acht Jahre an dem Roman gearbeitet. Sexuelle Machtstrukturen, Missbrauch und daraus resultierende Sprachlosigkeit – diese in Sprache zu verwandeln sei literarisch herausfordernd gewesen, sagt sie.

Tastende Erzählbewegung

Strubel wurde 1974 in Potsdam geboren. Sie machte zunächst eine Ausbildung zur Buchhändlerin und studierte dann in Potsdam und New York Psychologie und Literaturwissenschaft. Später lebte sie unter anderem in Schweden, bevor sie wieder nach Potsdam zurückkehrte.

Antje Rávik Strubel, Autorin des Buches "Blaue Frau", reagiert auf die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis. (Sebastian Gollnow / dpa POOL / dpa)Sieht so aus, als könne sie es nicht fassen: Antje Rávik Strubel hat gerade erfahren, dass sie den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Sie sei überrascht und berührt gewesen, sagt die Autorin. (Sebastian Gollnow / dpa POOL / dpa)

„Blaue Frau“ ist für die Jury des Buchpreises ein „aufwühlender“ Roman: „In einer tastenden Erzählbewegung gelingt es Antje Rávik Strubel, das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen. Im Dialog mit der mythischen Figur der Blauen Frau verdichtet die Erzählerin ihre eingreifende Poetik: Literatur als fragile Gegenmacht, die sich Unrecht und Gewalt aller Verzweiflung zum Trotz entgegenstellt.“

Für Literaturkritikerin Miriam Zeh ist die Preisvergabe an Antje Rávik Strubel „eine sehr gute Wahl“ [AUDIO]. Die Entscheidung der Jury habe sie zwar ein wenig überrascht, doch sehr gefreut. Sie lobt den „präzisen Ton“ der Autorin und findet, ihr Roman sei auch ein politisches Buch, das „scharfsinnig unsere europäische Gegenwart“ beobachte.

Eine Erkenntnis, die der Text transportiere, sei: Die Herkunft innerhalb Europas bestimme nicht nur die Erinnerungskultur der Romanfiguren und ihr Verständnis von einem Nationalstaat, „sondern ist auch entscheidend für das Schicksal dieser Figuren“. Die Autorin stelle die Frage, in was für einem Europa wir eigentlich leben wollten.

Insgesamt waren sechs Bücher nominiert. Auf der Shortlist standen neben Strubel auch "Der zweite Jakob“ von Norbert Gstrein (Carl Hanser, Februar 2021), „Vati“ von Monika Helfer (Carl Hanser, Januar 2021), „Eurotrash“ von Christian Kracht (Kiepenheuer & Witsch, März 2021), "Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst (Suhrkamp, Februar 2021) und „Identitti“ von Mithu Sanyal (Carl Hanser, Februar 2021).

Vor einem gelben Hintergrund stehen 6 Bücher aufgereiht (vntr media)Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021: Sechs herausragende Romane, nur einer konnte gewinnen. (vntr media)

Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert, alle anderen Nominierten erhalten jeweils 2500 Euro. Die sieben Jurymitglieder hatten nach eigenen Angaben 230 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2020 und dem 21. September 2021 erschienen waren. 2020 hatte Anne Weber den Preis für ihren Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ erhalten.

Gastland der Buchmesse ist Kanada

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse vergeben. Diese beginnt am Mittwoch, wegen der Coronapandemie findet sie teils in Präsenz und teils digital statt. Gastland ist Kanada. 2019 waren über 300.000 Besucher zur Messe gekommen.

(Quellen: KNA, AFP, ahe, beb, mkn)

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