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Albert Camus, Maria Casarès: „Schreib ohne Furcht und viel“

Passagen voller Sehnsucht

Von Marko Martin

    
Das Cover zeigt zwei Porträtfotografien von Albert Camus und Maria Casarès, die so angeordnet sind, als würden sich die beiden liebevoll anschmachten. (Rowohl/Deutschlandradio)
Ein Sehnen, ein Begehren: der Briefwechsel zwischen dem Philosophen und Schriftsteller Albert Camus und Maria Casarès. (Rowohl/Deutschlandradio)

Der Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller Albert Camus und der Schauspielerin Maria Casarès zeigt zwei empathische Liebende. Er ergänzt erfrischend das hiesige, häufig allzu statische Camus-Bild. Nun ist er erstmals ins Deutsche übersetzt.

Als vor vier Jahren in Frankreich der bislang unbekannte Briefwechsel zwischen Albert Camus und Maria Casarès erschien, hatten sich Presse und Leserschaft ob dieser Trouvaille überaus erfreut gezeigt, doch keineswegs überrascht. Kurz vor ihrem Tod 1996 hatte die Schauspielerin das umfangreiche Konvolut an Camus‘ Tochter Catherine übergeben, die es dann zusammen mit einer Freundin in skrupulöser Kleinarbeit transkribierte und für den Druck zusammenstellte.

Jene über achthundert Briefe, die sich da zwei bedingungslos Liebende zwischen Juni 1944 und Dezember 1959 geschrieben hatten, bestätigten das bereits vorhandene Bild des Schriftstellers und Intellektuellen, der am 4. Januar 1960 mit gerade einmal 47 Jahren bei einem Autounfall auf tragische Weise ums Leben gekommen war.  

Camus als Liebender

Gerade deshalb zeugen viele hiesige, positiv verdutzte Reaktionen auf die nun (übrigens wunderbar akkurat und elegant) übersetzten Briefe von einer deutsch-französischen Wahrnehmungsdifferenz, die ebenso vielsagend wie irritierend ist. Als wäre Camus‘ bisher bekanntes Werk allein auf den Nenner „It´s a man‘s world“ zu bringen gewesen.

Denn nicht nur, dass man seit den maßgeblichen Camus-Biografien von Olivier Todd und Iris Radisch bereits um die langjährige Mehr-als-Affäre zwischen dem melancholischen Schriftsteller und der hoch reflektierten und ironisch gewitzten Schauspielerin hätte wissen können.

Wichtiger noch: Die gegenseitigen Liebeserklärungen, voll subtiler und gleichzeitig vitaler Sinnlichkeit, verbunden mit Camus´ Landschaftsbeschreibungen südfranzösischer Dörfer und seiner geliebten algerischen Geburtsregion, verweisen auf seine frühe und späte Prosa, auf all jene Preisungen der Sonne, der Klarheit und der Lebenstragik, wie man sie in der „Hochzeit des Lichts“ und der „Heimkehr nach Tipasa“ findet.

Albert Camus sitzt mit ernster Miene an einem Tisch, auf dem sich diverse Bücher befinden. (picture-alliance / Leemage )Der Schriftsteller Albert Camus in einer Aufnahme von 1957. (picture-alliance / Leemage )

Und nein, Albert Camus, der um die Schönheit und Endlichkeit aller Glücksmomente wissende Intellektuelle, war eben niemals jener lediglich das Absurde Begrübelnde, als den ihn Generationen vor allem bundesdeutscher Studenten wahrgenommen hatten.  

Persönlich aber nicht unpolitisch

Maria Casarès, geboren 1922, war die Tochter des spanischen Ministerpräsidenten Santiago Casarès, der durch den faschistischen Franco-Putsch mit seiner Familie ins Pariser Exil getrieben worden war. Noch unter der deutschen Besatzung, bei einem Picasso gewidmeten Abend bei Michel Leiris, hatte sie dann den neun Jahre älteren, (unglücklich) verheirateten Camus kennengelernt und sich sogleich in ihn verliebt.

Wenngleich in ihrem Briefwechsel die nachfolgende Befreiung von Paris, die Kontroversen im Nachkriegsfrankreich und der Algerienkrieg keine Rolle spielen: Unpolitisch ist diese Korrespondenz keineswegs – auch da scheint die deutsche Rezeption einiges überlesen zu haben.

Maria Casarès trägt Kopftuch und lacht freundlich in die Kamera. (picture alliance/akg-images)Die Schauspielerin Maria Casarès in einer Aufnahme von 1952. (picture alliance/akg-images)

Weit entfernt, seine Gefährtin mit den eigenen schriftstellerischen Großtaten zu traktieren und (so wie Sartre und Simone de Beauvoir es exerzierten) aneinander die Tragkraft existentialistischer Thesen zu proben, berichtet Camus beinahe beiläufig von Begegnungen mit antitotalitären Intellektuellen: Manès Sperber, Ignazio Silone oder Octavio Paz, „der die Güte besitzt, mich einen Testigo de la Libertad zu nennen“.

Zum Tod des linken Antistalinisten George Orwell heißt es: „Er gehörte zu der sehr kleinen Anzahl von Menschen, mit denen ich etwas teilte.“

Während Maria Casarès dann Camus nicht nur pointiert aus dem Film- und Theaterleben berichtet (durch ihren Filmauftritt in „Die Kinder des Olymp“ war sie berühmt geworden), sondern auch von der Erfahrung, wie etwa eine Exil-Gedenkveranstaltung an die freie spanische Republik vollständig von den moskauhörigen Kommunisten gekapert worden war.

Physische Präsenz im Schreiben

Über den Abschluss am marx- und ideologiekritischen „Mensch in der Revolte“, der dann den endgültigen Bruch mit Sartres einflussreichem Kreis bringen wird, schreibt Camus: „Ich bin diese Welt der spröden Logik und der Verkrampften, in die ich getaucht bin, leid. Wenn ich damit fertig bin, werde auch ich krank sein, ganz sicher. Es sei denn, ich würde, sobald die letzte Zeile niedergeschrieben ist, ordentlich gegen eine sonnenbeschienene Mauer kotzen.“

Worauf erneut bezirzende Passagen voller Sehnsucht folgen: An welchem Tag, zu welcher Stunde werden wir uns endlich wiedersehen? Maria Casarès: „Abstraktion hat noch nie eine Frau beglückt, jedenfalls mich nicht.“ Umso größer ihr Jubilieren über einen Geliebten, der selbst während seiner Abwesenheit, in seinen Briefen, geradezu physisch präsent ist.

Wir müssen uns die beiden während der Zeit, die ihnen geschenkt war, als glückliche Menschen vorstellen.

Albert Camus, Maria Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen. 1944-1959
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Tobias Scheffel und Andrea Spingler
Rowohlt Verlag, Reinbek 2021
1565 Seiten, 50 Euro

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