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Anfang Februar beschrieb das Online-Magazin Van, was alle immer schon gewusst haben wollen: nämlich wie schlecht es um die Arbeitsatmosphäre an der Berliner Staatsoper..., ihrem Generalmusikdirektor seit 1992. Barenboim habe sein Temperament nicht im Griff, hieß es, Demütigungen von Musikern und Mitarbeitern seien an der Tagesordnung, niemand wage es, dem Star-Dirigenten zu widersprechen. Der Bericht berief sich auf ein Dutzend Angehörige der Oper, aktuelle wie ehemalige, die zunächst anonym blieben. Erst als sich drei weitere Musiker namentlich solidarisierten, äußerte sich auch Barenboim. Im Interview mit der ZEIT bestritt er die Vorwürfe: Er betreibe kein gezieltes Mobbing. "Mir ist wichtig, dass die Leute, die sich von mir getroffen fühlen, wissen, dass ich für sie Empathie empfinde. Dass ich niemanden verletzen will. Und dass ich mir meiner Verantwortung bewusst bin."

Worum ging es in dieser Affäre? Um Charakterdefizite oder Rachefeldzüge? Um Fragen des Miteinanders nach #MeToo? Oder um die Ohnmacht des Kollektivs vor der Macht des Einzelnen – eine Konstellation, die es in solcher Reinkultur wohl überhaupt nur noch im Verhältnis Dirigent und Orchester zu bestaunen gibt. Selbst der Fußballtrainer steht während des Spiels am Spielfeldrand.

Im ZEIT-Gespräch vom Februar legte Barenboim die Vermutung nahe, das Ganze könnte eine "Kampagne" sein. Just zur Van-Veröffentlichung nämlich verhandelte er mit dem Land Berlin die Verlängerung seines Vertrages an der Staatsoper Unter den Linden. Zweifellos ein günstiger Zeitpunkt, öffentlich Zwietracht zu säen. Die "Kampagne" freilich verfehlte ihr Ziel. Anfang Juni verkündete Berlins Kultursenator Klaus Lederer an der Seite Barenboims dessen Verbleib in Amt und Würden für weitere fünf Jahre, bis 2027. Ein trotziges "Jetzt erst recht" oder die Erfolgsgeschichte einer konstruktiv bewältigten Krise?

Fragt man bei der Berliner Staatsoper nach, wie die Dinge sich seit dem Frühjahr entwickelt hätten, stößt man zunächst auf taube Ohren. Die Begründung könnte seltsamer nicht klingen: Die Atmosphäre im Haus sei so gut, sagt die Pressesprecherin, dass man ungern in den gerade verheilten Wunden wühlen wolle. Das macht misstrauisch, zumal die Anfrage einigermaßen arglos war. Wenn die Atmosphäre denn so gut ist, wie behauptet, warum dann nicht mit leuchtendem Beispiel vorangehen, und erzählen, wie man sie (wieder) gewonnen hat, mit welchen Strategien? "So eine Krise braucht kein Haus", wird Matthias Schulz, der Intendant, nach längerem Ringen schließlich sagen, "aber vielleicht hat sie gewisse Prozesse beschleunigt. Und sie hat Solidarität erzeugt, eine Klarheit darüber, was uns wirklich wichtig ist."



DIE ZEIT 50/2019
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50/2019. Hier können Sie die...


Der aufgebrochene Konflikt indes scheint die Staatsoper an ihrer Achillesferse getroffen zu haben. Er ging offenbar derart an die Substanz, dass das Reden darüber auch neun Monate später noch schwerfällt. Außerdem legte Van Anfang September nach, diesmal namentlich und in Gestalt einer ehemaligen Orchestermanagerin, die schilderte, wie Barenboim sie im März 2018 auf eine Frage hin zwischen Schultern und Hals gepackt, geschüttelt und angeschrien habe, dass sie verschwinden solle. Ein solcher Vorfall – wenngleich er sich nicht nur weit vor der Krise ereignete, sondern auch vor der "psychologischen Gefährdungsbeurteilung", die die Berliner Opernstiftung im Herbst 2018 für alle Häuser durchführte – trübt natürlich die Erzählung von der gelungenen Konfliktbereinigung. Als habe man lediglich die Oberfläche blank poliert, während im Untergrund weiter gezündelt wird.

Auch der Kultursenator jedenfalls möchte sich zur Sache lieber nicht äußern. Er sei schlicht nicht "nah genug dran", lässt er erklären und bittet freundlich um Verständnis. Lederer, so hört man, sei in der akuten Krise ausgesprochen hilfreich gewesen. Habe Gespräche geführt und den Beteiligten Zeit gegeben, aber auch den nötigen Druck ausgeübt und Maßnahmen ergriffen. So wurde auf sein Betreiben hin bei der Berliner Kanzlei für Verhandlung und Mediation Constantin Olbrisch eine Ombudsstelle eingerichtet, an die sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsoper wenden konnten – anonym, versteht sich. Der daraus resultierende Bericht ging im Juni der Opernleitung zu. Er wünsche sich immer und überall eine Unternehmenskultur, sagt Matthias Schulz, in der man miteinander spreche. "Jeder und jede sollte sich trauen, zu sagen, was sie oder er möchte." Auch Barenboim gegenüber? "Mit Daniel Barenboim kann man über alles reden, aber man muss es eben auch tun." Er in seiner Position fühle sich da nicht eingeschränkt.

Barenboim übrigens ist der Einzige, der auf die Anfrage der ZEIT sofort Gesprächsbereitschaft signalisiert – wenn er nicht so beschäftigt wäre. Zweimal Wagners Ring des Nibelungen zu Beginn der Saison, Abo-Konzerte, die Neuproduktion der Lustigen Weiber von Windsor, ein Gastspiel in Paris, Ende November mit Saint-Saens’ Samson et Dalila gleich die nächste Premiere: Das alte neue Terrain will engmaschig gehegt werden.

Mit einem Mal zeigt sich auch die Staatskapelle "entspannt" und gesprächsbereit. Man müsse ihre Reserviertheit verstehen, sagt Susanne Schergaut, erste Geigerin und seit zehn Jahren im Vorstand des Orchesters, die "mediale Wucht" des Ganzen habe sie "regelrecht ausgehebelt". Wir treffen uns in einem Repetitionszimmer im ersten Stock des Intendanzgebäudes, großer Flügel, viel Platz, schäbiges Mobiliar. Der nächste Termin für Schergaut und Dominic Oelze (künstlerischer Beirat, Solo-Schlagzeuger und Mentor in Barenboims West-Eastern Divan Orchestra) ist eine Planungsrunde zum 450. Jubiläum der Kapelle 2020. Was für eine Tradition.

Man spricht über die "spezielle Konstellation" zwischen dem Orchester und seinem "starken Chef", darüber, dass es in der öffentlichen Debatte "nicht ums Seelenheil des Orchestermusikers" gegangen sei, aus ihrer Sicht das eigentliche Thema, sondern um Betrachtungen zur Person Barenboim, zu dessen Vertragsverlängerung und um Geldfragen: "Das fanden wir bedauerlich." Mindestens so bedauerlich sei gewesen, sagt Oelze, dass ihre ehemaligen Kollegen (also diejenigen, die sich der Presse anvertrauten) sich nicht direkt an sie gewandt hätten: "Das wäre fair gewesen. Ihre Kritik hat sich indirekt ja auch an uns gerichtet." Hat es denn vor der Krise im Haus so etwas wie eine Gesprächskultur gegeben? "Es ist nicht so, dass wir über all die Probleme nie geredet hätten", sagt Susanne Schergaut. Zu einer "harten, offenen Diskussionskultur" hätten sie allerdings erst jetzt gefunden, in vielen Orchesterversammlungen. Schergaut ist schon lange dabei, seit 1983, und hat viele Intendanten kommen und gehen sehen. Und ebenso viele Kultursenatoren.

Vor allem aber erlebte die Geigerin noch sechs goldene Jahre mit, in denen die Staatskapelle unangefochten die Nummer eins war, in der DDR. Ist das Trauma, 1989 im gesamtdeutschen Orchester-Ranking auf Platz 23 abzustürzen, der wahre Grund für die Zerwürfnisse der letzten Zeit? "Seit der Wiedervereinigung versuchen wir stückweise, in den Status zu kommen, in dem wir uns sehen, auch ökonomisch", sagt Schergaut – und blickt selbstbewusst in die Zukunft: "Wie weit können wir mitgestalten, was wir künstlerisch leisten? Welches Gewicht hat die Staatskapelle?" In der Krise hatte sich der Orchestervorstand recht schnell zu Barenboim bekannt. Dieses Bekenntnis, sagen die Musiker, sei wichtig gewesen, auch für "den Chef", und habe für eine "neue Intensität des Miteinanders" gesorgt. Und für mehr Kompetenzen aufseiten des Kollektivs, zumindest psychologisch.

Letzte Frage: Wie viele Wutanfälle hat die Staatsoper Unter den Linden seit Februar zu verzeichnen? Schergaut und Oelze überlegen, lachen, schauen sich an: "Keinen?"